Magazin Reisen

Englands schmale Mitte – Ein Reisebericht

Zwei Meter Straßenbreite reichen dicke. Ohne Gegenverkehr
Von der Ostküste Englands in Norfolk bis zu den Hügeln des Lake Districts ganz im Westen des Landes sind es nur beschauliche 220 Kilometer. Die Anreise ist bequem, eine luxuriöse Fähre entlässt den Besucher in Hull. Der Startpunkt unserer Tour quer über die britische Insel. Lassen Sie sich zu einer ganz und gar ungewöhnlichen Porsche-Tour inspirieren.

Weshalb man nach England reisen sollte? Zumal in einem Porsche Turbo. Der zweite Teil der Frage ist schnell beantwortet. Eine Reise im Turbo lohnt sich immer, egal wohin. Warum ausgerechnet England? Meer, Strand, Sonne, Kultur und kulinarische Genüsse. OK: Meer und Strand auf jeden Fall, Sonne vielleicht, Kultur im Überfluss. Kulinarische Genüsse: Man muss eben wissen wo.

Großbritannien ist das Land der automobilen Frühgeschichte, von Beginn an bis in die dreißiger Jahre war die Motorisierung dort im Vergleich zum Kontinent weit voraus. Die Pionierzeiten des Automobils haben kleine, fast menschen- und autofreie Landstraßen hinterlassen, durch die Landschaft gezogen wie die Schokospritzergarnitur auf dem Dessertteller eines kreativen Küchenchefs. Sie folgen der natürlichen Topographie, über Hügel, Berge und entlang der Küsten. Oft sind es inzwischen verbreiterte und geteerte ehemalige Wagenpfade, die schon seit Jahrhunderten als Verkehrswege dienen.

Nur gut 200 Kilometer breit ist die britische Insel zwischen Nordsee und der irischen See. Ein Nationalpark reiht sich an den nächsten
Nur gut 200 Kilometer breit ist die britische Insel zwischen Nordsee und der irischen See. Ein Nationalpark reiht sich an den nächsten

Inzwischen hat sich der Verkehr hauptsächlich auf die oft überfüllten, vierspurigen Hauptstraßen und Autobahnen verlagert und die Landstraßen sind einsam. Ach ja, in England fährt man üblicherweise auf der anderen Seite. Es herrscht Linksverkehr. Abschrecken lassen darf man sich davon nicht. Die Eingewöhnung geht schneller als man denkt und kaum ist man von der Fähre und aus dem Hafengelände gerollt, bewegt man sich ganz selbstverständlich im Verkehr. Hat man sich erstmal auf die Sträßchen der zahlreichen Nationalparks verirrt, spielt es ohnehin keine Rolle mehr. Die meisten Straßen dort sind so schmal, dass man ohnehin oft in der Mitte fährt.

Von Hull aus schlagen wir zunächst den Weg Richtung Norden ein. Bald schon sieht man von den Höhen aus die Kathedrale von York, der Hauptstadt der Yorkshires, der Grafschaften von York. Im Mittelalter war sie mit 61 Metern das höchste Gebäude der Welt. Heute steht die Kathedrale stolz als Meisterleistung der gotischen Architektur mitten in der Stadt. Umgeben von mittelalterlichen Gebäuden die so eng an schmalen Gässchen stehen, dass man nur als Fußgänger Zugang findet. Alles umschlossen von einem gut erhaltenen Mauerring. York ist eine wunderbare Stadt um einfach durch zu Schlendern. Das Auto stellt man sicher in eines der Parkhäuser am Rande des Zentrums.

In Großbritannien ist die Landschaft und Kultur einer jahrtausende alten Zivilisation mit der Neuzeit so selbstverständlich verwoben wie ein schottischer Schafwollpulli. Meist in einer Üppigkeit die einen auf jedem Kilometer, bei jeder Rast am Weg, staunen lässt. Wir fahren durch den North York Moor National Park in Richtung Meer. Am Küstenstreifen nördlich der Humbermündung wechseln sich Klippen mit weiten Buchten und ausgedehnten Sandstränden ab. Die Seebäder am Meer ziehen immer noch viele Gäste an, auch wenn der Glanz der viktorianischen Blütezeit verblasst ist. Glitzernde Spielhallen, Cafes, Läden, Sandstrand gehen wie Sonne und Regen ineinander über. Scarborough ist prächtiges Beispiel dafür.

Die Straßen an der Küste entlang sind hügelig, oft steil, folgen der Landschaft. Senken werden zu wahren Löchern in die der Turbo ein ums andere Mal zu fallen scheint. Mühelos erklimmt er im nächsten Moment 20%ige Steigungen, überfährt Kuppen so spitz, dass er munter aus den Federn springt. Keine Holperwege, alles auf gut ausgebauten Straßen mit extrem griffigem Belag. Robin Hood’s Bay mit dem kleinen Schmugglerdorf ist eine Erkundung wert. Natürlich zu Fuß. Öffentliche Parkplätze finden sich in England überall in den Städten und Dörfern wo es etwas Sehenswertes gibt. Bedenken muss man nicht haben. Autodiebstähle sind selten und die Parkplätze alle videoüberwacht. Über Whitby, Saltburn-by-the-Sea und Redcar fahren wir weiter ins Landesinnere.

Auf unserem Kurztrip über die Insel steuern wir die „Pride of Britain“ Hotels an. Ein kleiner aber umso feinerer Hotelverbund von Inhabergeführten Hotels mit ausgesprochen typischem Ambiente und einer excellenten Küche. Nur rund 50 ausgesuchte Häuser quer über die britische Insel verteilt gehören dazu. Fast alles noble, ehrwürdige Herrenhäuser auf dem Land, so klassisch englisch, dass man eigentlich mit dem alten Jaguar oder zumindest im offenen Roadster vorfahren möchte. Doch unser 911 Turbo mit dezent amarantrotem Understatement passt auch in diese Umgebung tadellos.

Das Judges Country House Hotel in Yarm ist jetzt die Station, nach einer angenehmen Kabinennacht auf der Fähre. Seinen Namen hat das Judges Hotel aus der Zeit als die königlichen Richter noch übers Land zogen um im Auftrag ihrer Majestät an den kleinen Landgerichten Recht zu sprechen. Das damalige Landhaus am Rand der North Yorkshire Moors diente Ihnen als Unterkunft. Nach der Restaurierung wurde es zum Hotel, der Name ist Nostalgie. Die britische Automobile Association, der AA, hat dem Judges Hotel mit drei Rosetten zurecht die höchste Auszeichnung für die Küche verliehen. In den Ohrensesseln der alten Bibliothek beenden wir den ersten genußvollen Abend mit einem guten Schluck schottischem Whisky.

Richtung Westen geht es durch die Yorkshire Dales, ein Nationalpark im grünen Herz der Insel. Das ursprüngliche England zeigt sich oft dort wo man es am wenigsten erwartet. Satte Weiden mit zufriedenen Schafen und Kühen, waldige Hügel, alte Ortschaften mit Häusern aus Naturstein. Eine Gegend sicherlich abseits der großen Touristenpfade aber doch so sehens- und vor allem fahrenswert. Auf der Landstraße A684 Richtung West Witton beispielsweise.

Der Lake District in Cumbria, nur rund 100 Kilometer im Westen ist die weitaus belebtere Ecke. Die Berge und Täler mit der Postkarten-Landschaft rund um Lake Windermere und der Lake District National Park ziehen alljährlich zigtausende Touristen in den Bann. Verständlich, denn sieht man mal von Devon oder Cornwall, den Gegenden in Südengland ab, ist Großbritannien hier so wie man es sich vorstellt. Von Ginsterbüschen und Steinmauern umsäumte Landstrassen, kleine Ortschaften mit Pubs am Wegesrand, einsame Seen, torfige Hügel und sanfte Berge am Horizont von schweren Wolken durchzogen. Wasser gibt es hier reichlich, von allen Seiten. Doch ebenso die Sonnenstrahlen die durch die Wolken brechen und sekundenschnell die Landschaft in ein riesiges Diorama verwandeln das einen fasziniert, sprachlos die Natur betrachten lässt. Eine wilde, gleichzeitig milde Gegend wo der Rhododrendron auf den torfigen Böden prächtig blüht.

Wir sind in der Grafschaft Cumbria, im nordwestlichen Teil Großbritanniens, mitten im Lake District angekommen. Wenige Kilometer außerhalb des Touristenzentrums im gemütlichen Stadtchen Windermere blicken wir vom Hotel auf den See hinab. Idyllisch steht Holbeck Ghyll oben am Hang, es ist unser Hotel für diese Nacht. Der Bergbach, der Ghyll wie es auf Kumbrisch heißt, der in einer tiefen Furche umrahmt von sattgrünen Weiden nebem dem Haus zum See plätschert, gab dem Haus seinen Namen. Das noble Jagdhaus aus dem 19. Jahrhundert ist auch als Hotel noch immer in Familienbesitz.

Ebenfalls Mitglied im Pride of Britain Hotelverband wird es privat geführt. Höchst liebevoll und professionell. Das Restaurant mit Küchenchef David McLaughlin hat als einziges weit und breit seit dreizehn Jahren einen Michelin-Stern zu bieten. Der Ausblick vom Turmzimmer oder durch die kleinen Fenster der Hotelerker über Lake Windermere und die Berge ist betörend schön. Das abendliche Dinner eine Offenbarung, selbst wenn es ohne viel Schnörkel auf den rustikalen Tischen im gemütlich holzvertäfelten Speisezimmer serviert wird.

Es sind bleibende Eindrücke die schon ein kurzer Aufenthalt in dieser ursprünglichen Landschaft hinterlassen. Wo die Menschen die Natur und was sie bietet mit soviel kultivierter Finesse und Gastfreundschaft vereinen, dass einem nicht nur am Kaminfeuer warm wird ums Herz. Es ist der Kontrast aus Natur und Kultur, das Unerwartete, das Überraschende das hinter jeder Straßenbiegung, bei jedem Hotelbesuch, bei jeden Gespräch auf einen wartet. Es ist eben Großbritannien.

Auch die Verpflegung ist ein Leichtes. In vielen der Pubs am Wegesrand wird nicht nur dunkles Bier schaumfrei in große Gläser gepumpt, sondern auch gekocht. Immer frisch, meist gut und mit lokalen Zutaten, das Ganze serviert zu bodenständigen Preisen. Übrigens: nicht nur das Essen, auch das Wetter ist in England meist viel besser als gemeinhin unterstellt. Vielleicht wird eine Englandreise, zumal im Porsche, auch ihr Weltbild etwas zurecht rücken.

Hübsche Hotels und urige Pubs liegen überall am Wegesrand. Ideal für eine kleine Stärkung tagsüber
Hübsche Hotels und urige Pubs liegen überall am Wegesrand. Ideal für eine kleine Stärkung tagsüber

Text & Fotos: Fred Wesley

Die komplette Geschichte  lesen Sie in 9ELF-Magazin für Porsche-Enthusiasten Ausgabe 01/2015.

Homepage des Judges Hotel: http://judgeshotel.co.uk/ 

Homepage des Holbeck Ghyll Hotel: http://www.holbeckghyll.com/


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