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Wenn der Vater mit dem Sohne

Frédéric Makowiecki gelingt 2010 im Porsche Carrera Cup France der ersehnte Titelgewinn

Eine Homestory über Porsche-Werksfahrer Frédéric Makowiecki.

Die kunterbunte Straßenbahn im Pril-Blumen-Design bimmelt und macht sich auf den Weg zum beliebten Vergnügungsviertel Odysseum. In fußläufiger Entfernung ist das sogenannte „Ecusson“ erreichbar – eine der größten Einkaufsstraßen Europas. Diese bei Touristen beliebten Attraktionen Montpelliers interessieren Porsche-Werksfahrer Frédéric Makowiecki allerdings nur selten, wenn er seine neue Wohnung im Zentrum der südfranzösischen Stadt verlässt. Der 39-jährige Franzose mit dem auffällig breiten Grinsen, das sehr an seinen legendären Landsmann Fernandel („Don Camillo und Peppone“) erinnert, hat meist ein anderes Ziel. „Wir haben hier über 300 Sonnentage im Jahr, daher geht es ganz oft an den Strand“, lacht der drahtige 1,76-Meter-Mann und streichelt dabei seinem Sohn über den dunkelblonden Lockenkopf.

Makowiecki, der in Motorsportkreisen stets Fred Mako genannt wird, ist alleinerziehender Vater. „Das ist der Deal, den ich 2015 bei meiner Scheidung mit meiner ehemaligen Ehefrau geschlossen habe: Sobald ich von den Rennen zurück bin, lebt mein Junge bei mir“, erklärt er. Der achtjährige Dorjee ist sein ganzer Stolz. Ihm gilt in der rennfreien Zeit seine volle Aufmerksamkeit. „Eigentlich unbeschreiblich, wie wichtig mir mein Sohn ist. Er ist mein Lebensmittelpunkt, mein Freund, mein Heimathafen und auch ein wenig mein Kummerkasten“, sagt der Sieger des 24-Stunden-Rennens auf dem Nürburgring 2018. „Wenn ich von einem Rennen zurückkehre, dann teile ich meine Freude über ein gutes Ergebnis so gern mit meinem Sohn. Wir feiern dann richtig. Lief es mal weniger gut, dann bringt er mich mit seiner Leichtigkeit zum Lachen und lässt negative Erfahrungen ganz schnell in den Hintergrund rücken. Wir unternehmen dann ein paar Vater-Sohn-Sachen und alles ist wieder gut.“

In solchen Momenten holt die kleine Familie Makowiecki die ferngesteuerten Autos heraus, radelt zum Strand oder tritt im fröhlich eingerichteten Kinderzimmer beim Mario Kart auf der Playstation gegeneinander an. Spaß ist garantiert. Vater und Sohn genießen die Zweisamkeit und das Abenteuer. Seit 2015 leben die beiden gemeinsam in Montpellier. Anfang dieses Jahres erfolgte der Umzug in die neue Wohnung. Aber schon bald soll sich die Lebenssituation wieder verändern. „Meine Freundin Karli lebt in den USA. Es ist geplant, dass sie zu uns nach Montpellier zieht. Aber die Coronavirus-Pandemie hat bislang verhindert, dass wir diesen Schritt machen können. Wir bereiten alles vor, wollen aber nichts überstürzen“, erklärt der erfahrene Rennfahrer. Makowiecki möchte seinem Sohn ein festes familiäres Umfeld bieten.

Frédéric Makowiecki mit seinem Sohn Dorjee

„Ich selbst bin in Arras, also in Nordfrankreich, in einer Großfamilie aufgewachsen. Ich habe zwar nur eine Schwester, aber es gibt unzählige Onkels, Tanten, Cousinen, Cousins und so weiter“, erzählt er und fügt lachend an: „Meine Mutter hat neun Geschwister, mein Vater sieben. Wenn alle zusammenkommen, sind wir über 100 Leute!“ Kuriosum: Kein einziger Angehöriger war ursprünglich motorsportlich derart interessiert, wie der 1980 geborene Porsche-Werksfahrer. „Ich bin da sozusagen in der Vorreiterrolle und hoffe, dass ich mit meinen Aktivitäten eine Motorsporttradition in der Familie starten kann. Ich glaube, einige tragen meine Faszination für das Racing schon in sich. Und wenn nicht, wird es höchste Zeit“, scherzt Makowiecki. Nach erfolgreichen Jahren im Kartsport und Podestplätzen in der französischen Formel-3-Meisterschaft wechselt der damalige Nachwuchsmann 2001 in den GT-Sport. Innerhalb der folgenden zehn Jahre feiert der aufstrebende Rennfahrer viele Siege. 2010 gelingt im Porsche Carrera Cup France der ersehnte Titelgewinn.

„Ich war bereits mittendrin in der Porsche-Familie, aber vielleicht nicht zielstrebig und kaltschnäuzig genug. Ich habe mich damals gar nicht getraut zu fragen, ob es eine Chance im Werksfahrerkader für mich gibt“, blickt der passionierte Radsportler zurück. „Es war seltsam. Erst durch die Scheidung meiner Eltern fand bei mir ein Umdenken statt. Für die Familie war dieser Schritt unschön, für meine Karriere gut.“ In Makowiecki erwacht das Kämpferherz. Er fängt an, seines Glückes Schmied zu werden. „Bis dahin hatte ich nicht verstanden, wie die Mechanismen im Motorsport funktionieren. Das lag auch daran, dass niemand in meiner Familie in der Szene vernetzt war. Ich war – denke ich heute – damals noch nicht in der Lage, eine halboffene Tür ganz aufzumachen. Das hat sich durch die Trennung meiner Eltern geändert. Ich fühlte mich dadurch für mich allein verantwortlich und habe meine Karriere selbst in die Hand genommen. Mit Erfolg: Plötzlich hatte ich gleichzeitig Verträge bei zwei Herstellern, Honda und Aston Martin. Alles schön und gut, aber eigentlich sah ich mich immer als Porsche-Mann.“

Zur Saison 2014 kehrt der „verlorene Sohn“ endlich in die motorsportliche Heimat zurück. Makowiecki unterzeichnet beim Stuttgarter Sportwagenhersteller einen Werksfahrervertrag und geht mit dem Porsche 911 RSR in der Langstrecken-Weltmeisterschaft WEC sowie später in der nordamerikanischen IMSA-Championship an den Start. Auch am Steuer des Porsche 911 GT3 R ist er oftmals in großen GT3-Wettbewerben für die speziellen Momente zuständig – so beispielsweise 2018 im Regen auf der Nürburgring-Nordschleife, als er das 24-Stunden-Rennen gewann. Vielen Fans ist aus dem gleichen Jahr auch ein Zweikampf der besonderen Art im Gedächtnis geblieben: Porsche gegen Ford, Franzose gegen Franzose, Makowiecki gegen Sebastién Bourdais in dessen Heimat Le Mans. „Darauf werde ich heute noch angesprochen“, schmunzelt er. Über viele Runden schenkten sich die beiden Protagonisten im Kampf um Platz zwei der GTE-Pro-Klasse keinen Millimeter. Es war ein Duell am absoluten Limit. „Und genau das liebe ich am Motorsport“, sagt Fred Mako. „Wenn es einen starken Wettbewerb gibt, dann bin ich manchmal über Platz zwei genauso glücklich wie über einen Sieg. Ich habe immer höchsten Respekt vor der Konkurrenz. Wenn es hart und fair zugeht, ist das genau mein Ding. Schade nur, dass mir Sebastién damals den Handschlag nach diesem feinen Fight verweigert hat. Das war absolut überflüssig und unangemessen.“

In solchen Momenten zieht sich der ansonsten äußert kommunikative Franzose gern mal zurück. Tür zu, Kopfhörer auf, allein sein. „Musik ist für mich nicht nur Unterhaltung“, erklärt er. „Für mich ist Musik ein Ausgleich in jeglicher Situation. Ich bin geschmacklich überhaupt nicht festgelegt, sondern höre immer das, was ich gerade brauche. Bin ich wütend oder enttäuscht, dann höre ich eher leisere und melodische Klänge, um herunterzukommen. Wenn ich mich gerade pushen muss, um für einen direkt bevorstehenden Einsatz im Auto hochzufahren, dann gibt es meist einen etwas heftigeren Bass auf die Ohren. Daraus schöpfe ich Energie. Fast genauso viel wie aus gemeinsamen Unternehmungen mit meinem Sohn.“

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